Gedanken zur Woche

9. April 2020 Karwoche –  Der Weg Jesu an der Seite der Geplagten


die Karwoche hat begonnen, die traurige, stille Woche – so der Sinn des alten Wortes. Ja, ruhig geht es bei uns zu. Am wenigsten vermisse ich die Geräusche der landenden Flugzeuge, am meisten das laute Kindergeschrei in der Nachbarschaft. Eine ganz ungewöhnliche Kar- und Osterwoche steht uns bevor: Ohne Andachten, ohne Gottesdienste in der Kirche. Kein Gründonnerstags-Abendmahl, keine strengen Karfreitagsgottesdienste, keine Osternacht. Keine Auferstehungsfeier auf dem Friedhof. Und das Wetter scheint die Osterbotschaft schon vorweg zu nehmen.
Aber bleiben wir noch mal bei der Karwoche: Sie erinnert an den Weg Jesu. Einen Weg, der unvorstellbar grausam ist. Ein Weg der Höhe und des Sturzes in tiefste Tiefen in kürzester Zeit. Am Palmsonntag jubeln ihm die Leute zu:  Hosanna – Gelobet sei, der da kommt im Namen Gottes. Jesus wird als der Heilsbringer begrüßt und wenige Tage später als vermeintlicher Gotteslästerer gekreuzigt. Dazwischen geht sein Fall durch alle Instanzen.
Die Evangelien betonen die Schuld der Juden an der Verurteilung. Aus dieser Schuldzuweisung sind leider Jahrhunderte lange Verleumdungen und Verfolgungen bis hin zur Judenverfolgung des NS-Regimes und Antisemitismus der heutigen Zeit entstanden. Den Evangelisten war nicht klar, was sie damit taten. Für sie war es überlebensnotwendig, nicht in den Verdacht zu kommen, gegen das römische Reich zu stehen. Und wenn man Anhänger eines Menschen ist, der von den Machthabern als politischer Aufrührer hingerichtet wurde, liegt es ja nahe, dass man ebenso in Opposition zur Regierung stehen könnte. Daher der bemühte Versuch zu sagen: Die Juden sind an allem schuld… Allerdings hätten die Juden bei aller Beteiligung an den Angelegenheiten der Besatzungszone nie die Macht gehabt, eine Hinrichtung durchzusetzen. Die Hinrichtung Jesu gibt historisch nur so Sinn, dass er den Römern in die Quere kam.
Aber was bedeutet diese Hinrichtung für uns heute? Wir kennen die dogmatischen Sätze: Für uns gestorben, damit wir gerechtfertigt sind vor Gott. Ein für alle Mal hat er das Gericht Gottes auf sich genommen, damit wir freigesprochen sind.
Das sind schwere und steile Sätze. Manchmal kann ich sie gut nachsprechen und mich hineinflüchten. Ja, ich muss vor Gott nichts beweisen. Ich kann es sowieso nicht. Ich kann nur hoffen, dass Gott mich akzeptiert, wie ich bin und mir vergibt, wo ich gegen meine Bestimmung gelebt habe. Jesus als der Vermittler zwischen Gott und den Menschen, die immer wieder die Verbindung zu ihrem Schöpfer verlieren. Jesus, der stellvertretend für die Menschen das Urteil Gottes auf sich genommen hat: Schuldig. Und der es gesühnt hat.
Aber es gibt auch die Tage, da fällt mir all das schwer zu glauben. Warum musste ein Unschuldiger sterben und die Schuldigen sollen davon profitieren und freigesprochen werden? Das passt nicht zu meiner Welterfahrung. Wenn ein Unschuldiger vor Gericht verurteilt wurde, die Strafe abgesessen hat und sich herausstellt, dass ein anderer die Tat begangen hat, so wird der wirkliche Täter auch verurteilt und seine Strafe bekommen. Da kann man nicht sagen: Das hat ein anderer schon für mich abgesessen. Wenn Menschen ihre Schuld auf andere verschieben, kommt meistens nichts Gutes dabei heraus.
Ich kann den Tod Jesu aber auch anders deuten. Er starb an der Seite all derer, die gerecht oder ungerecht schuldig gesprochen wurden. Er starb an der Seite derer, die vergessen von der Welt sind, die unsäglichem (vielleicht auch menschengemachtem) Leid ausgeliefert sind. Er ist da, wo Menschen an Armut und Hunger, an Ungerechtigkeit und Unterdrückung leiden und sterben. Er ist auch da, wo Menschen die Not eines einsamen Todes aushalten müssen. Die Bilder aus Italien, wo Coronakranke und ihre Familien nicht Abschied nehmen können, sind mir unter die Haut gegangen.
Jesus ist da, wo wir Gott nicht vermuten, aber besonders brauchen. In Zeiten von schwerer Krankheit habe ich das so erlebt: Gott ist da, in Jesus Christus. Zum menschlichen Leben gehört eben auch das Leiden – an Naturkatastrophen, an Ungerechtigkeit, an Krankheit. Gott hat sich dem ausgeliefert. In unserer Gesellschaft haben wir uns daran gewöhnt, dass es uns gut geht. Wir meinen, beinahe einen Anspruch auf „glückliches, gesundes Leben“ zu haben. Die Coronakrise hat uns deutlich gemacht, wie gefährdet wir in Wirklichkeit sind. Und dennoch: Auch in dieser Krise gehören wir noch zu den Privilegierten dieser Welt. Bei uns gibt es eine Gesundheitsvorsorge und Intensivstationen. Bei uns liegt keiner in der Klinik auf dem Fußboden. Und bei uns verhungert keiner, der im Moment kein Geld verdienen kann.
Ich möchte für mich ganz persönlich in dieser Karwoche hineinnehmen: Leiden und Sterben gehören zum menschlichen Leben. Ja, wir können und wir sollen uns einsetzen, damit Menschen gut und würdig leben und sterben können. Dazu gehört für mich: die nicht aus dem Auge zu verlieren, denen es viel schlechter als mir selbst geht, weil sie nicht in diesem Land zu Hause sind, weil sie überhaupt keine Heimat haben, weil sie mitten unter uns in Armut und Existenzangst leben.
Ich wünsche Ihnen
eine gesegnete Karwoche,
eine stille Woche mit Momenten der Gottesnähe, der Geborgenheit.
Und ein frohes Osterfest.
Ulrike Gitter

 

 

2. April 2020   Von der überfließenden Liebe

schon in der dritten Woche ist unser Laden geschlossen. Ich möchte Euch und Ihnen einen kleinen Gruß auf diesem Wege zukommen lassen.

Seit ein paar Tagen beschäftigt mich die Geschichte von der Salbung in Bethanien. (Markus 14,3-9). Markus erzählt von einer namenlosen Frau, die viele Schwellen überwindet, um ihre Liebe in die Tat umzusetzen.
Da kommt eine Frau und dringt in ein ihr möglicherweise fremdes Haus, in eine Gesellschaft von Männern ein. Sie fragt nicht, sie bittet nicht. Sie tut. Sie salbt das Haupt Jesu mit einem „sündhaft teuren“ Öl. Ein Ausleger will errechnet haben, dass dieses Öl zwischen 20 und 30 tausend Euro wert gewesen sein könnte. Und natürlich erhebt sich Widerstand: So eine Verschwendung! Was man mit dem Geld alles hätte machen können. Da hätte man so viel Gutes tun können und die Armen satt machen. Statt dessen das Haupt Jesu salben?
Auch die, die so ihre Bedenken zum Ausdruck bringen bleiben ohne Namen „einige“ nennt sie Markus. Und das ist gut so. Denn die Bedenkenträger kennen wir ja auch aus dem Fernsehen, aus unserer Nachbarschaft und aus uns selbst. Wo kämen wir denn da hin…? Was soll denn das werden…? Wozu diese Verschwendung…!
Überraschend die Reaktion Jesu: Er nimmt daran keinen Anstoß. Weder an der Tatsache, dass er im Zentrum dieser Verschwendung ist, noch daran, dass diese Frau sich ihm doch sehr eindeutig liebend nähert.
Er deutet diese Liebestat als Vorwegnahme der Totensalbung, sozusagen als letzte Ölung. Als eine Tat, die zu diesem Zeitpunkt genau richtig war. Denn die Armen wird es immer geben. Ihn, den Menschensohn, nicht mehr. Sie hat an diesem Tag das Richtige getan. Und dann kommt das für mich Überraschendste an dieser Erzählung: Wo auch immer das Evangelium gepredigt wird, wird man sich an die Tat dieser Frau erinnern…
Die gelebte Liebe zu Gott und zu Jesus Christus wird auf eine Stufe gehoben mit dem Evangelium, der Botschaft von der Versöhnung zwischen Mensch und Gott in Jesus Christus. Wie erstaunlich.

Ich lese diese Geschichte als eine „Antigeschichte“ zu unserer Situation. Wir dürfen keine Schwellen zu anderen Häusern überschreiten. „Wir bleiben daheim!“, so das Motto unserer Regierung. Ja, wir bleiben daheim. Ich werde am kommenden Sonntag keine Predigt halten und keinen Gottesdienst in der Kirche feiern, sondern in dieser Woche einen Podcast für die Homepage von St. Stephanus (Großostheim, meine Gemeinde) erstellen. Ihr werdet hoffentlich auch daheim bleiben, das Haus nur zur Arbeit, für Spaziergänge oder einen nötigen Einkauf verlassen. Aber dennoch ist es wichtig, dass wir die Liebe und den Kontakt zueinander nicht verlieren. Nur: Wir sind herausgefordert, kreativ zu werden und uns etwas einfallen zu lassen. Wenn Ihr zu Euren Enkeln nicht hindürft und sie nicht zu Euch, ist es dennoch wichtig, in Verbindung zu bleiben. Vielleicht habt Ihr irgendeinen kleinen Auftrag, ein Wunschbild, ein Lied, das Ihr am Telefon hören wollt und das die Enkel einstudieren können. Seid kreativ. Und wenn Ihr die Nachbarin nicht besuchen könnt, könnt Ihr aber eine Karte in den Briefkasten stecken, ein Blümchen vor die Tür stellen. Die Schwellen zueinander sind neu, vielleicht manchmal auch hoch. Aber sie regen uns an, unsere Liebe zu zeigen. Ihr könnt Euch eine Kerze ins Fenster stellen und damit das Gegenüber grüßen. Ihr könnt mitmachen und vor allem: Versucht, die Nerven zu behalten, auch wenn Corona näher kriecht. Es ist auch bei uns in der Nachbarschaft angekommen. Das ist beängstigend und macht deutlich: Ja, wir bleiben daheim. Aber ja: Wir lassen uns für unsere Liebe etwas einfallen.

Jesus hat sich auch etwas einfallen lassen. Seine Liebe zu den Menschen hat ihn das Leben gekostet. Das hat er ein für alle Mal getan. Das brauchen wir nicht zu tun. Sondern heute kommt es darauf an, dass wir uns in seine Liebe hineinfallen lassen und etwas von dieser Liebe weitergeben.

Und ich denke in diesen Tagen an all die, die in den Kliniken und Pflegeeinrichtungen tätige Nächstenliebe üben, um das Leben von Menschen kämpfen, trotz Mundschutz versuchen, würdig und liebevoll Beziehung entstehen zu lassen. Ihnen gehört mein Dank und mein Gebet, dass ihre Arbeit gelingt, dass sie Kraft schöpfen und gesund bleiben.

Uns allen wünsche ich überfließende Liebe und die Achtung vor dem, was andere (nicht nur für uns) tun!

Ihre Ulrike Gitter

 

 

24. März Vom Ruhen und Wachsen

Seit zwei Wochen ist unser Kirchenladen – und mit ihm viele Geschäfte und alle Gaststätten geschlossen.  Unser ganzes Leben ist anders als sonst: Jede persönliche Begegnung ist uns untersagt, das Leben ist fast stehen geblieben. Selbst am Himmel ist es ruhig, kaum ein Flugzeug dreht über Aschaffenburg seine Landeschleife.

Was macht das mit uns?

Ich denke, die meisten haben es verstanden: Es geht wirklich um Menschenleben. Und wenn vielleicht nicht um meines, so doch um das von vielen Menschen – auch von Menschen, die mir nahe stehen. Und: Es betrifft nicht nur die Alten und Kranken, auch manche Jungen sind schwer erkrankt.

So eine Seuche haben wir alle noch nie erlebt. So drastische Einschränkungen auch nicht.


Es trifft uns mitten in der Passionszeit / Fastenzeit. In der evangelischen Kirche war vorgestern der Sonntag Lätare (Freut euch), das kleine Osterfest mitten in der Passionszeit:  Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, so bleibt es allein. Wenn es aber erstirbt, so bringt es viel Frucht.

(Johannes 12,24)

Auch wenn wir rein biologisch das mit dem Aussäen heute nicht als sterben verstehen, ist doch klar, was gemeint ist: Manches muss zu Ende gehen, damit etwas Neues entstehen kann. Manches muss sterben, damit Platz für Neues wird. Und natürlich ist dieser Vers auch auf Jesus bezogen: Nur weil er gestorben ist, hat Gott ihn auferwecken können. Ohne Tod keine Auferstehung. Und mitten in der Passionzeit gibt es einen Lichtblick, einen Ausblick: auf die Auferstehung nach dem Tod, nach dem Leiden.


Vielleicht können wir uns dies im Moment ganz gut vorstellen. Unser tägliches Leben ist nahezu abgestorben. Ich darf nicht mal mehr meine Mutter im Pflegeheim besuchen, ich darf keinen Kaffee trinken gehen. Was darf ich noch arbeiten – da mein Beruf doch immer mit Menschen zu tun hat? Das verunsichert. Der Verzicht fällt mir schwer – manches mehr und anderes weniger. Und ich denke, dass diese Situation noch eine ganze Weile andauern wird. Und vielleicht auch die Situation in den Häusern mit der Zeit nicht einfacher werden wird.


Und es wird auch eines Tages vorüber sein. Auch wenn das sehr lange dauern kann. Auch wenn ich mir gar nicht vorstellen kann, wie ich das bis dahin in der Isolation aushalten soll. Auch wenn manches hinterher ganz anders sein wird. Auch wenn manche in der Zwischenzeit in existentielle Not gekommen sein mögen.


Wir leben als Christen aus der Hoffnung auf Auferstehung und auf neu werden. Das mag uns helfen, durchzuhalten. Ich möchte diese Krise auch als eine Chance verstehen, in der sich Christsein vielleicht ganz neu bewähren kann. Und in der eine Gesellschaft einen neuen Umgang miteinander erprobt.

Es wäre schön, wenn es uns immer einmal wieder gelingt, uns als Christen zu erkennen zu geben: indem wir mit anderen teilen, was uns nicht gefährdet: zum Beispiel Gespräche am Telefon und ein Lebenszeichen per Postkarte. Indem wir einander ermutigen und uns zeigen, dass die einzelnen nicht vergessen sind. Indem wir uns an einer der zahlreichen Sing- oder Bete-Aktionen beteiligen, die im Lande unterwegs sind.

Es ist für viele eine harte Zeit. Beten wir füreinander, dass wir es aushalten. Und: manchmal hilft auch schon ein kleiner Spaziergang durch die erwachende Natur – auch so ein Spaziergang ist erlaubt und schadet nicht, wenn wir Abstand dabei halten.


Ich wünsche Ihnen eine Zeit, die trotz allem gefüllt ist

mit Vertrauen auf Gott und seinen Segen,

mit Anteilnahme und Hilfe untereinander


Ulrike Gitter, Pfarrerin