Gedanken zur Woche

In der evangelischen Kirche gibt es ja für jeden Sonntag und die darauf folgende Woche ein Bibelwort. Für diese Woche steht es im Galaterbrief (Galater 6,2): Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

 

Jede und jeder von uns trägt Lasten. Manchmal mehr und manchmal weniger. Manchmal liegen sie uns zentnerschwer auf Körper und Seele und manchmal tragen wir sie, ohne uns sehr belastet zu fühlen. Dieses besondere Jahr 2020 macht manche Lasten noch mal schwerer. Gesundheitliche Risiken bedrohen uns mehr, weil sie Angst machen vor einer Infektion. Familiäre Belastungen waren vor allem deshalb für viele groß, weil sie sie nicht teilen durften. Weil die Eltern von jüngeren Kindern mit allem alleine fertig werden mussten: Mit Betreuung am Tag und Dasein in der Nacht, mit Hausaufgaben und Home-office und wie das alles so war. Im Moment sind viele Lasten wieder gemindert, da die Ängste nicht mehr so groß sind, da wir uns wieder freier bewegen und begegnen dürfen. Besonders die unter Euch, die Großeltern sind, genießen es sicher, dass sie wieder unbefangen mit den Enkeln umgehen können.

 

Lasten kann man alleine tragen, aber auch mit anderen teilen. Wir als Menschen, die Verantwortung als Christen in der Welt übernehmen, sind dazu meist auch bereit: Anderen bei dem Tragen ihrer Lasten zu helfen. Oft durch ein Gespräch, einen Anruf, ein Nachfragen oder einfach ein Stück miteinander aushalten, was nicht zu ändern ist. Lasten anderer mitzutragen, macht zwar das Herz manchmal schwer, gibt uns aber auch Kraft und Lebensmut fürs eigene und fürs fremde Leben.

Einer trage des anderen Last. Das kann aber auch heißen: Ich lasse mir meine Last mittragen. Ich vertraue mich an, ich mute mich zu mit dem, was mir unangenehm und peinlich ist, was mich kränkt oder beschwert. Ich denke, das ist die Seite dieses Wortes, die oft schwerer fällt. Natürlich will keiner von uns jammern (darf man schon mal, muss man nicht dauernd). Aber es ist gut, auch zu erfahren, was es heißt, Last getragen zu bekommen, wenn man mit anderen ihre Lasten teilen möchte. Gute Seelsorger und Seelsorgerinnen lassen sich auch helfen, können Hilflosigkeit, Schmerz, Wut zugeben. Nur wenn wir uns helfen lassen können, können wir anderen wirklich zur Seite stehen.

So werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Mir tut diese Hälfte des Satzes immer ein bisschen weh. Ich glaube nicht, dass dieses Lasten tragen ein Gesetz ist. Eher eine Verantwortung, ein Auftrag, vielleicht eine Verpflichtung, wenn wir wollen, dass Gemeinschaft entsteht.

Für andere einzustehen, gibt es in dieser Welt wahrlich genug Möglichkeiten. Corona hat manche Probleme dieser Welt noch mal deutlich verschärft. Die Armen leiden noch mehr und manchem vermeintlich gut Abgesicherten hat es den Boden entzogen. Jede und jeder hat seine Möglichkeit, sich da einzubringen. Aber wir alle dürfen uns auch helfen lassen – auch wenn es vermeintlich nur kleine Sorgen sind. Sorgen kann man nicht messen. Hilfe auch nicht. Sie tut einfach gut.

Helfen Sie und lassen Sie sich helfen,

eine gute Zeit

Ulrike Gitter, Pfarrerin

 

In dieser Woche hat mich ein Gedanke besonders bewegt: die Wirksamkeit des gesprochenen Wortes. Es ist uns manchmal gar nicht so klar, was das gesprochene Wort bewirkt. Wie es Mauern einreißen oder aufrichten kann, wie es Menschen stärken oder brechen kann, wie es Frieden schaffen oder zerstören kann Wir erinnern uns alle noch an den Satz unserer Kanzlerin „Wir schaffen das!“ Damals hat dieses Wort die Gesellschaft gespalten: die einen höchst ermutigt, bei den anderen kam ihr Frust und ihr Gefühl, missachtet zu sein, so richtig an die Oberfläche. Aber andererseits ist die Sprache eben auch ein Mittel um bei Menschen ganz viel Gutes zu bewirken.

Unser Glaube ist eine Religion des Wortes. Im ersten Schöpfungsbericht heißt es, dass Gott spricht, dass es geschieht und dass es gut ist. Gott schafft die Welt allein durch sein Wort. Und auch Jesus wirkte in erster Linie durch das, was er sagte. Er predigte die Liebe unter den Menschen und er sprach Menschen frei von Last und Schuld. Wenn er handelte, wurde dieses Handeln immer von einem deutenden Wort begleitet, damit er nicht als Wundertäter da stand, sondern als einer, der im Namen Gottes zu den Menschen gekommen ist.

Ein besonderes Wort ist der Segen Gottes. Wir dürfen einander Segen zusprechen. „Gott segne dich und behüte dich“. Wir sprechen es nur, aber Gott hat versprochen, diesen Segen zu geben, wenn wir ihn auf einen Menschen „legen“ (So im 4. Mose 6 / Numeri 6, 24).

Wenn wir segnend mit den Menschen umgehen, dann bewirkt das Veränderung. Das kann heißen – muss es aber nicht, dass wir wirklich Menschen, die es brauchen, die Hand auf die Schulter legen und einen Segenswunsch sprechen. Das kann aber auch einfach eine freundliche Begegnung sein, weil wir wissen, dass auch dieser Mensch Gottes Segen braucht und wir im Stillen für Menschen diesen Segen erbitten (ohne ihn mit unserer Religiosität zu erschlagen oder zu überfordern). Wir alle sind es gewohnt, mit Menschen umzugehen. Ich finde es sehr spannend, zu entscheiden, wann ich religiöse Inhalte auch ausspreche und wann ich sie nur als Hintergrund für mein Handeln im Herzen habe.

Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit,

Gott segne euch und behüte euch,
Gott wende sich euch zu und nehme euch liebevoll wahr wie ihr seid,
Gott schenke euch sein Licht und gebe euch Frieden
im Herzen, mit ihm und mit den Menschen um euch herum.

 

Ulrike Gitter